YouTube auf allen Kanälen

In seinem fast 10-jährigen Bestehen ist YouTube zu einem bunten Sammelsurium aus Katzen-Videos, Schmink-Tutorials, Song- und Filmparodien avanciert. Doch die Branche befindet sich in einem ständigen Professionalisierungs- und vor allem Kommerzialisierungsprozess. Gerade werden für die Plattform keine geringeren Untertitel als „Zukunft des Fernsehen“ und „finanzielle Goldgrube“ gehandelt.

Nische und Mainstream?

„Die Amateure übernehmen das Unterhaltungsgeschäft“, schrieb kürzlich die Süddeutsche Zeitung in ihrem Beitrag über prominente YouTuber. „Kein Mensch braucht mehr das Fernsehen um berühmt zu werden.“ Der Beauty- und Lifestyle-Channel von Nilam Farooq alias Daaruum hat über 900. 000 Abonnenten. Sami Slimani YouTube-Kanal „Herr Tutorial“ – ein Mix aus Lebenshilfe und Lippenpflegetipps – haben über eine Million abonniert. Beide warben in diesem Herbst deutschlandweit im großen Stil für YouTube. Mit 2 Millionen Abonnenten doppelt das Florian Mundt, seinen Fans besser bekannt als LeFloid. Auf seinem YouTube-Channel plaudert er seit 2007 über das Weltgeschehen. Die Pole-Position mit 3-Mio. Abonnenten hat sich jedoch der Gamer Gronkh, der auf seinem Channel als „Let’s Player“ seine eigenen Videospiele kommentiert, ergattert. Dicht gefolgt vom Trio um Y-Titty, deren Kanal mit Parodien und Comedy-Formaten knapp dahinter liegt.

Indikator Zuschauerbindung

Netzwerke wie Studio71 (200 Mio. Views) nehmen Blogger-Schäfchen zur Optimierung ihres Channels an die Hand. Doch nicht allein die Klick-Zahlen entscheiden. Die Gunst der Zuschauer wird auf YouTube in der Größe „Audience Retention“ gemessen, errechnet aus der Zahl der Videoaufrufe und der Verweildauer des Publikums. Mit „mehr Reichweite, mehr Support, mehr Geld“ wirbt TubeOne Networks (150 Mio. Views) um die sogenannten Creators. Versprochen wird Crossmedia-Promotion und zusätzliche Vermarktung durch Product-Placement. Mediakraft Networks (400 Mio. Views) hat ganze 2600 von ihnen unter Vertrag. „Wir sind der größte Online-TV-Sender Mitteleuropas“ sagt Christoph Krachten, Präsident von Mediakraft.

Authentizität als Währung

Netflix macht es vor: Wer den individuellen Geschmack und die Sehgewohnheiten seiner Zuschauer genau kennt, weiß, wie sie sich heute verhalten – und was sie morgen wollen könnten (DIE ZEIT Nº 45/2014). Auf YouTube wird durch die Etablierung regelmäßiger Formate versucht, klare Zielgruppen zu definieren, weil eben das große Werbedeals an Land zieht. Und die Videobloggerinnen und –blogger haben einen ganz gewaltigen Vorteil: Ihre Zuschauer sind in erste Linie Fans. Über Tweets und Kommentarfunktionen stehen beide Seiten ständig in direkter Kommunikation. Die neuen Rockstars der Medienwelt haben eine messianische Wirkung auf ihre Anhänger. Ein „Gefolgt“ von seinem Idol kommt da einer Heiligsprechung gleich. Feststellen konnte man das auf dem Brandcast Day von YouTube in Berlin, einer Werbeveranstaltung über die Möglichkeiten in Sachen Videos im Internet. In den Hallen des ehemaligen Flughafens Berlin-Tempelhof erzählten Filmemacher und Kampagnenexperten, wie sie Googles Videoplattform für ihre Zwecke nutzen, während gleichzeitig der deutsche YouTube-Star Sami Slimani Autogramme, Fotos sowie Umarmungen an kreischende Fans verteilte.

Prognose: Wachstum, Erfolg, Moral

Wie sieht die Zukunft von YouTube und seiner Video-Blogger aus? Bei den Videodays in Köln stiegen die Besucherzahlen seit dem ersten Treffen im Jahr 2010 von 400 auf mittlerweile 15.000. Sie sind heute das größte YouTuber-Treffen Europas. Blogger wie Daaruum oder Slimani machen dem Fernsehen Werbekunden abspenstig. Im Jahr 2014 wird YouTube laut einer Studie des Marktforschungsunternehmens eMarketer 1,13 Milliarden Dollar mit Werbung einnehmen – im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg um 39 Prozent. Auch die berufliche Laufbahn der Blogger geht neue Wege. Daaruum's Schauspiel-Karriere wurde wieder angekurbelt, Slimani ist Viva-Moderator und seit Neustem Buchautor („Das Slimani-Prinzip“). Andere Blogger wenden sich unter Berufung auf einen moralischen Kodex von den großen Netzwerken ab. LeFloid hat kürzlich bei Mediakraft gekündigt. Mit ihrem gewerkschaftsähnlichen Verein 301+ versuchen er und andere Berliner-YouTuber den alten Geist der Video-Plattform entgegen aller Kommerzialisierung zu bewahren.

 

Aktuelle Artikel und Links zum Thema:

Inside YouTube, Wired (Dez. 2014)

Stars statt Katzen - YouTube im Goldrausch, Business Punk (6/2014)

Sie wollen doch nur spielen, SZ (06.12.2014)

YouTube Rewind: Turn Down for 2014