2014 | 05 | 06

"Aus einem Machtvakuum entstanden"

Bei "Film und TV Made in Germany" mit den Teams von Grimme-Preisträger Circus HalliGalli, des 7-fachen Besuchermillionärs Fack ju Göhte und des Mammut-Dokumentarfilmprojekts 24h Jerusalem konnten die MEDIA CONVENTION Berlin-Besucher einen Blick hinter die Kulissen werfen...

"Circus Halligalli"

"Circus Halligalli" - eines der erfolgreichsten Formate im deutschen Fernsehen und kürzlich mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet - haben Klaas Heufer-Umlauf, Joko Winterscheidt und ihr Team aus ihrer MTV-Sendung "MTV Home"  weiterentwickelt. Sie hätten damals Glück gehabt, dass es bei MTV eine Art Machtvakuum gab und sie machen konnten, was sie wollten, erzählt Klaas Heufer-Umlauf. "Wir hatten eine Carte Blanche alles auszuprobieren, ohne ein Konzept vorzulegen, haben eingeladen, wen wir gut fanden." Das Label MTV sei gut gewesen um internationale Gäste einzuladen, zum Beispiel Ozzy Osbourne, der sich wunderte, wo er gelandet war, als er bei Joko&Klaas in der Sendung saß. Noch heute ist bei "Circus Halligalli" das Kernteam von MTV Home beschäftigt. Auch Arno Scheppenheim, Geschäftsführer von Florida TV, der "Circus Halligalli zusammen mit Endemol produziert, kennen Joko&Klaas schon seit vielen Jahren. Er sagt, dass in Deutschland mittlerweiler mehr Formate um den "Kopf" herum gebaut werden. "Es wird mehr Wert darauf gelegt, mehr auf die Moderations-Persönlichkeiten hin die Show zu entwickeln. Der Kopf ist wichtiger geworden als noch vor 10-15 Jahren." Klaas Heufer-Umlauf appellierte an die öffentlich-rechtlichen Sender, mehr Mut zu zeigen, die Nachwuchstalente und jungen Formate nicht nur in den Digitalkanälen zu senden. "Es müsste jetzt mal der Punkt kommen, das Versprechen einzuhalten, die Sendungen ins Hauptprogramm zu holen." Er und Joko seien derzeit im Privatfernsehen sehr zufrieden. "Wir brauchen Flexibilität, eine kurze Entscheidungskette, für unsere Ideen." Das sei schwierig mit den Öffentlich-Rechtlichen, das hänge nicht an den Personen, aber am System mit den Abstimmungsschleifen. Klaas, der inzwischen mit Joko Winterscheidt zusammen selbst unter die Produzenten gegangen ist, möchte die Chance nutzen, im Bereich Unterhaltung etwas zu gestalten, sieht das auch als eine "Verantwortung". Nächste Projekte sind eine Show mit Palina Rojinski und neue Folgen mit Olli Schulz zu produzieren. "Mehr darf ich derzeit nicht verraten", sagt Klaas, "obwohl ich ja eigentlich immer gerne etwas sage."

 

"Fack ju Göhte"

Ein Überraschungserfolg war "Fack ju Göhte" auch für das Team: "Über sieben Millionen Zuschauer - damit hatte niemand gerechnet", sagt Produzentin Lena Schömann. Die Idee für den Film habe sie zusammen mit Regisseur und Autor Bora Dagtekin entwickelt. "Wir kommen beide aus Lehrer-Familien, wir haben sozusagen unsere Jugend aufgearbeitet."  Schauspielerin Jella Haase, für ihre Rolle als Chantal für den Deutschen Filmpreis nominiert, hat die Improvisation beim Dreh gut gefallen, bei der sie ihre eigenen Ideen und Interpretation der Figur einbringen konnte. Torsten Koch, Geschäftsführer von Constantin Film, betont die gute Zusammenarbeit beim Marketing. Man könne heute nicht nur Trailer und Plakat machen. "Wir haben für Social Media über 60 Clips mit den Schauspielern gedreht, dann kurz vor Drehstart 35 Termine in fünf Tagen absolviert. Das war beachtlich". Die Interaktion mit den Fans auf Facebook begann schon in der Frühphase des Filmprojekts. Kontakt zu der Zielgruppe im Internet sei sehr wichtig gewesen, inzwischen hat "Fack ju Göhte" über 1,2 Millionen Facebook-Fans. "Man kann dann im Vorfeld auch schon Sachen testen, wie kommt ein Plakat an, welche Sprüche gehen gut, etc.", so Koch. Der Erfolgshit 2014 "Fack ju Göhte"soll nun auch international vermarktet werden. Unter dem Titel "Suck me Shakespeer" wurde er bereits in mehrere Länder verkauft. "German Humoar doesn´t travel", sagt zwar ein Sprichwort, doch Lena Schömann glaubt, dass das Thema Schule, Erziehungs- und Bildungsprobleme, universell sind. Und Bora Dagtekin habe eher einen amerikanischen Humor. "Dass es kein typisch deutscher Humor ist, macht es vielleicht für die Verkäufe ins Ausland einfacher." Über Berlin sagten die Teams, dass es ein idealer Standort für den Dreh gewesen sei. "Im Vergleich zu München, wo wir auch gedreht haben und wo unsere Dreh-Schule war, hatten wir in Berlin den Vorteil, dass wir zum Beispiel in einem Gefängnis drehen durften. Oder im Theater, das wäre in München nicht gegangen."

 

"24h Jerusalem"

Rund dreieinhalb Jahre hat die Arbeit an dem Mammut-Dokumentarfilmprojekt "24h Jerusalem" gedauert, davon allein zweinhalb Jahre für Recherche und Vorbereitung. Dann wurde in Jerusalem an einem Tag mit 500 Leuten und 70 Teams gedreht. Nach "24h Berlin" war "24h Jerusalem" das zweite 24-Stunden-Projekt von Zero One Film. Für Volker Heise, Regisseur und Geschäftsführer, bestand die Herausforderung bei Jerusalem darin, dass die Stadt so widersprüchlich ist. "Wir haben isralische und palästinensische Partner gesucht, die uns bei der Produktion unterstützen. Da in Jerusalem alle darüber streiten, wem die Stadt gehört, war jeder Schritt politisch." Thomas Kufus, Geschäftsführer von Zero One Film ergänzt "Es war ein Zwischending zwischen Filmdreh und UN-Mission". Das Projekt habe mehrmals kurz vor dem Scheitern gestanden, man musste ständig austarieren. Die Logistik hatte man schon aus Berlin, aber in einem orientalischen Land mit der besonderen politischen Situation waren vor allem diplomatische Fähigkeiten gefragt. Das Besondere an dem Projekt sei das Zusammenspiel von Fernsehen und Internet gewesen, sagt Heise. "Fernsehen ist eine Geschichten-Maschine, aber im  Fernsehen kann man nur begrenzt viele Informationen transportieren. Den Mehrwert haben die Zusatzinformationen ergeben, die für die User im Internet abrufbar waren. Ein tolles Projekt: im Fernsehen Aufmerksamkeit kreiieren, im Internet vertiefen und anschließend mit den Leuten im Netz darüber kommunizieren."