Die fünfte Gewalt - Die Macht der vernetzten Vielen

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Eine Veranstaltung der re:publica

Die etablierten Medien gelten als die vierte Gewalt. Im digitalen Zeitalter ist jedoch eine fünfte Gewalt hinzu gekommen, die schon länger existiert, aber noch nicht umfassend beschrieben wurde. Sie besteht aus den vernetzten Vielen, die längst selbst zur publizistischen Macht geworden sind. Sie verändern die Agenda und das Tempo des klassischen Journalismus, veröffentlichen auf Blogs, Wikis, in sozialen Netzwerken, werden als Medienkritiker und Meinungskorrektiv aktiv, bilden Protestgemeinschaften, treiben bei Bedarf die Entlarvungs- und Enthüllungsarbeit voran, stürzen Politiker, bringen Unternehmen in Bedrängnis und erschaffen kluge Gegenöffentlichkeiten. Und sie finden sich mitunter zum grausamen Mobbingspektakel zusammen. Ein Agendasetting von unten, Medienkritik, Fahndungs- und Entlarvungsarbeit bis hin zur brutalen Attacke – all das sind Rollen- und Aktionsmuster der fünften Gewalt.

Ist das nun gut oder schlecht? Die Antwort lautet: Es kommt darauf an, denn die fünfte Gewalt hat unendlich viele Gesichter, eine schillernde Individualität. Sie ist hässlich, klug, sensibel und fanatisch. Der Vortrag zeigt mit vielen aktuellen, witzigen, aber auch erschreckenden Beispielen, dass weder die pauschale Euphorie („Schwarmintelligenz“) noch das ähnlich pauschale Publikumsbashing der etablierten Medien („Trolle“, „Shitstorm“, „digitaler Mob“) gerechtfertigt ist.

Unter den neuen Kommunikationsbedingungen ist alles sichtbar – die kleingeistige Attacke, aber auch die großartige Enthüllung, das berührende Engagement, der verschwörungstheoretische Wahn. Und doch bleibt die Frage: Wie kann sich die fünfte Gewalt – ohne institutionelle Anbindung – gleichsam selbst zivilisieren? Auf welche Weise verhindert man, dass ideologische Parallelrealitäten entstehen, die einer offenen Gesellschaft gefährlich werden können? Und wie bleibt, in einer Zeit radikal individualisierter Nischenöffentlichkeiten, die Agenda der Allgemeinheit als Fixpunkt öffentlicher Debatten gewahrt?

Speaker

Prof. Dr. Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft, Universität Tübingen

 

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